In ihrer Rede zu TOP 36 (Bericht zu Essstörungen in Schleswig-Holstein) erklärt die stellvertretende Vorsitzende und frauenpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Annabell Krämer:
"'Wenn ich nicht dünn bin, kann ich nicht attraktiv sein. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein.' Das sind zwei der zehn Gebote der Pro-Ana-Bewegung. Essstörungen sind keine Randerscheinung. Sie sind schwere psychische Erkrankungen, verbunden mit großem Leid für Betroffene und Familien sowie erheblichen Folgekosten für unser Gesundheitssystem.
Der Bericht der Landesregierung macht eines sehr deutlich: Anorexia nervosa – Magersucht – ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit. Das verpflichtet uns zum Handeln. Ich möchte festhalten, dass der Bericht fachlich breit angelegt und wissenschaftlich unterlegt ist – dafür danke ich ausdrücklich. Doch ein Bericht darf kein Selbstzweck sein. Er nennt internationale Studien, bundesweite Trends, analysiert Social-Media-Nutzung und Pandemieeffekte. Was jedoch fehlt, sind belastbare, differenzierte Steuerungsdaten für Schleswig-Holstein: Wie lange warten Betroffene auf einen Therapieplatz? Hier bleibt der Bericht auffallend unkonkret. Wie viele Therapieabbrüche gibt es? Auch darüber gibt es keine Daten. Wie viele stationär Behandelte finden anschließend nahtlos ambulante Anschlussversorgung? Zahlen dazu – Fehlanzeige. Wie hoch ist die Rückfallquote? Auch hier lässt der Bericht Raum für Interpretation. Wir lesen viel über Risikofaktoren, aber wenig über Versorgungsrealität. Gerade bei Essstörungen ist 'Zeit' ein kritischer Faktor. Frühzeitige Intervention entscheidet häufig darüber, ob eine Erkrankung chronisch wird. Doch ob unser Versorgungssystem früh genug greift, bleibt offen.
Zum Thema Social-Media: Der Bericht zeigt klar, dass intensive Social-Media-Nutzung mit Körperunzufriedenheit und Essstörungssymptomen korreliert. Kausalität sei aber nicht eindeutig. Beides stimmt. Aber daraus ergibt sich doch eine politische Aufgabe: Wenn wir wissen, dass algorithmisch verstärkte Körperideale problematisch sein können – welche konkreten Präventionsstrategien verfolgt das Land dann? Werden Lehrkräfte darauf vorbereitet? Gibt es Evaluationen der Programme? Der Bericht nennt zwar Präventionsangebote, aber keine übergeordnete Strategie.
Das Projekt 'Gänseblümchen' in Kiel von Eß-o-Eß ist ein guter Ansatz – doch Essstörungen kennen keine Stadtgrenzen. Sie entstehen im Zusammenspiel psychosozialer, familiärer und gesellschaftlicher Faktoren – das erfordert Koordination. Darum fordern wir, das Thema Essstörungen fest in die Fachanforderungen der Schulen aufzunehmen! Kinder müssen frühzeitig über körperliche und psychische Folgen aufgeklärt werden. Der Bericht zeigt: Junge Betroffene sind besonders gefährdet, strukturell aber nicht ausreichend abgesichert.
Ein erheblicher Anteil stationär behandelter Patientinnen und Patienten ist unter 14 Jahre alt. Wenn das Erkrankungsalter sinkt, müssen Hilfesysteme früher greifen. Gibt es genug spezialisierte Angebote für Kinder unter 14 Jahren? Wie funktioniert die Kooperation zwischen Kinder- und Erwachsenenpsychiatrien? Sind Übergänge strukturiert oder entstehen Versorgungslücken? Gerade diese Übergänge sind in vielen Bereichen des Gesundheitssystems Schwachstellen. Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle: Menschen mit geringem Einkommen erkranken doppelt so häufig – laut Bericht wegen mangelnder Gesundheitskompetenz. Warum also sind Medien- und Gesundheitsbildung nicht stärker verankert, um genau dieser Schieflage entgegenzuwirken?
Wir brauchen keine Symbolpolitik oder Social-Media-Verbote! Wir brauchen Bildung, Aufklärung und Sensibilisierung – für Kinder, Eltern, Lehrkräfte und die ganze Gesellschaft. Essstörungen sind komplexe Erkrankungen mit vielen Ursachen – also brauchen wir systemische Lösungen: bessere Datengrundlagen, frühzeitige, evidenzbasierte Prävention, Stärkung der Gesundheits- und Medienkompetenz, klare Ressortkooperation und schnellen Zugang zu Therapie. Denn bei Essstörungen entscheidet Zeit über Lebensverläufe. Wir sollten diesen Bericht daher nicht als Abschluss betrachten, sondern als Auftrag, die Lücken zu schließen, die er sichtbar macht."
Sperrfrist Redebeginn!
Es gilt das gesprochene Wort.