In seiner Rede zu TOP 46 (Bericht zur Situation und Arbeit der Familienzentren in Schleswig-Holstein) erklärt der Parlamentarische Geschäftsführer und familienpolitische Sprecher, Heiner Garg:
"Familienzentren leisten etwas, das sich in Förderstatistiken und Tabellen nur schwer abbilden lässt: Sie schaffen Vertrauen. Sie geben Orientierung. Und sie erreichen Menschen, die von klassischen Unterstützungsangeboten häufig nicht erreicht werden. Wer Familien stärken will, muss dort ansetzen, wo Familien leben. Möglichst frühzeitig, möglichst niedrigschwellig. Deshalb möchte ich ausdrücklich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unseren Familienzentren danken. Sie leisten jeden Tag wertvolle Arbeit, häufig unter schwierigen Bedingungen. Nicht ihre Arbeit steht heute auf dem Prüfstand, sondern die Rahmenbedingungen, die die Politik für diese Arbeit schafft.
Der Bericht der Landesregierung beschreibt ein breites Spektrum von Angeboten. Er dokumentiert die Bedeutung der Familienzentren und ihre regionale Verteilung. Das ist hilfreich. Aber wir müssen genauer hinschauen: 73,7 Prozent der befragten Einrichtungen benennen ihre finanzielle Ausstattung als hohe oder sehr hohe Belastung. Mehr als die Hälfte beklagt den bürokratischen Aufwand. Gleichzeitig ist die Grundförderung im Regelfall auf eine halbe Fachkraftstelle je Familienzentrum ausgerichtet. Da drängt sich doch eine Frage geradezu auf: Wie sollen Familienzentren immer mehr Aufgaben übernehmen, wenn schon die Bewältigung ihrer bisherigen Aufgaben vielerorts an personelle und finanzielle Grenzen stößt? Und noch etwas: Dem Bericht liegen lediglich 76 verwertbare Rückmeldungen aus den Familienzentren zugrunde – bei insgesamt 142 im Berichtsjahr geförderten Einrichtungen. Das entspricht einer Rücklaufquote von rund 53 Prozent. Repräsentative Aussagen für alle Familienzentren lassen sich daraus nicht ohne Weiteres ableiten. Ich hätte mir deshalb gewünscht, dass die Landesregierung nicht nur beschreibt, was vorhanden ist, sondern deutlicher herausarbeitet, welche Angebote fehlen, wo die größten Versorgungslücken bestehen und welche konkreten Konsequenzen sie daraus ziehen will.
Mit dem Programm 'KiTa für Alle' stellt die Landesregierung zusätzliche Mittel bereit: rund drei Millionen Euro jährlich für Familienzentren und weitere 400.000 Euro für ergänzende Maßnahmen. Das Ziel, insbesondere Kindern aus Familien mit Migrationsgeschichte und aus bildungsbenachteiligten Familien den Zugang zur frühkindlichen Bildung zu erleichtern, ist ausdrücklich unterstützenswert. Aber: Zusätzliche Mittel sind noch kein Nachweis für zusätzliche Wirkung. Der Bericht selbst macht deutlich, dass sich viele Familienzentren bei der Umsetzung noch in der Planungsphase befinden. Ob die neuen Angebote tatsächlich diejenigen erreichen, für die sie gedacht sind, können wir deshalb heute noch gar nicht beurteilen. Und deshalb sollten wir auch nicht so tun, als wäre mit der Bereitstellung zusätzlicher Mittel das eigentliche Problem bereits gelöst. Entscheidend ist doch, ob aus einem ersten Kontakt verlässliche Begleitung wird. Ob aus Beratung tatsächlich Unterstützung entsteht. Und ob die Übergänge zwischen Familienzentren, Frühen Hilfen, Jugendhilfe und Kindertagesbetreuung so funktionieren, dass Familien nicht immer wieder von vorne anfangen müssen. Genau daran muss sich 'KiTa für Alle' messen lassen. Nicht allein an der Zahl neuer Projekte, sondern an der Frage, ob Zugangsbarrieren tatsächlich abgebaut werden.
Drei Dinge halte ich deshalb für entscheidend. Erstens: Verlässliche Finanzierung und Planungssicherheit. Wer Vertrauen aufbauen soll, braucht Kontinuität. Befristete Förderprogramme dürfen nicht dazu führen, dass bewährte Beziehungen und Strukturen immer wieder infrage stehen. Zweitens: Weniger Bürokratie und mehr Zeit für die Menschen. Fachkräfte sollen Familien begleiten und unterstützen – und nicht einen immer größeren Teil ihrer Arbeitszeit mit Förderanträgen und Verwendungsnachweisen verbringen. Drittens: Eine verbindlichere Zusammenarbeit der unterschiedlichen Unterstützungssysteme. Nicht jedes Familienzentrum muss alles selbst anbieten. Aber jedes sollte wissen, wohin es Familien vermitteln kann – und sicher sein können, dass die notwendige Unterstützung dort tatsächlich ankommt.
Die Qualität unserer Familienpolitik entscheidet sich nicht daran, wie viele Programme wir auflegen, sondern daran, was bei den Familien tatsächlich ankommt. Familienzentren können dafür eine entscheidende Rolle spielen. Die Menschen, die dort arbeiten, haben unsere Anerkennung verdient. Und sie haben Anspruch auf eine Politik, die ihnen nicht nur zusätzliche Aufgaben überträgt, sondern auch die Voraussetzungen schafft, diese Aufgaben gut zu erfüllen."
Rede zu Protokoll gegeben!